Die Entdeckung des JahresJuli 30, 2003 Lavazza Fan(Krems Österreich) 19 aus 23 fanden die folgende Rezension hilfreich
Vor nicht allzu langer Zeit machte mich eine Meldung des ORF auf den jungen Erfolgsautor aufmerksam. Kurz entschlossen nahm ich "Mahlers Zeit" in den Urlaub mit. Ein faszinierendes Buch! Kehlmann spielt mit dem Leser, lässt ihn im Unklaren, ob Mahler ein Genie oder geisteskrank ist. Außderdem gestaltet er das Thema Zeit, indem er geschickt die Erzählebeenen ineinander fließen lässt. Der Schluss erscheint nicht zwingend, ist aber dennoch akzeptabel. Alles in allem eine Empfehlung! Ich freue mich auf die weiteren Werke des Autors.
Das bleibt hängen ...Februar 8, 2009 M. Polo+ 2 aus 2 fanden die folgende Rezension hilfreich
Ich habe jetzt - wie auch die meisten anderen - neben "Die Vermessung der Welt" und "Ich und Kaminski" endlich auch "Mahlers Zeit" gelesen und war von diesem Buch einfach nur begeistert.
Der Physiker Mahler hat durch eine geniale Entdeckung endlich das "Rätsel der Zeit" (überspitzt formuliert) gelöst. Leider glaubt ihm das niemand. Der Leser wird nun während des Lesens hin und her gerissen zwischen den beiden Polen, ob er nun Mahler glauben soll oder doch lieber der andere Seite, die seine Idee für absurd halten. Je wahnsinniger oder besser besessener Mahler im Buch wird, desto mehr verschwimmt auch für den Leser die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit im Roman. Das macht das Lesen aber nicht anstrengend, ganz im Gegenteil hat man so das Gefühl, mit dem Physiker mitzudenken und die Welt komplett durch seine Augen zu sehen. Genial!
Ich kenne mich persönlich mit Physik und den Hauptsätzen der Zeit Null aus, was mich aber nicht gestört hat und mir vielleicht bei diesem Buch auch nicht zum Nachteil gereicht hat. Aber immerhin wurde soviel Interesse geweckt, mich darüber nach dem Lesen zu informieren. Ob es das spätere Recherchieren war, oder einfach das Darüber-Wissen-Wollen ob das was Mahler gesagt hat prinzipiell möglich wäre - das Buch ist echt haften geblieben und hat bleibende Eindrücke hinterlassen. Das geschieht so selten, dass ich am liebsten sechs Sterne vergeben würde - aber da das leider nicht geht müssen fünf reichen.
2. Gesetz der TermodynamikAugust 21, 2008 Mag Sarah Krampl(Villach) 8 aus 10 fanden die folgende Rezension hilfreich
Die Hauptfigur des David Mahler hat mich stark an den Film "A beautiful mind" mit Russell Crowe erinnert. Auch in diesem Roman geht es darum, dass sich ein hochintelligenter Mensch in eine Theorie dermaßen hinein versetzt, dass er am Ende sogar Verfolgungswahn bekommt, noch schlimmer, am Ende sogar sein Leben hierfür lässt. Das Ende ist traurig aber realistisch. Gibt es Parallelwelten. Der nüchterne Verstand lässt eine solche jedenfalls nicht zu. David Mahler versucht die Richtigkeit des 2. Gesetz der Thermodynamik insofern zu widerlegen, als er Zeit für nicht existent hält. Das Problem ist nur, dass ihn keiner versteht, verstehen will, sich die Mühe machen will, ihn in seinen Gedanken zu folgen. Auffallend bei Kehlmanns Stil, vor allem in diesen Roman, sind die kurzen Sätze. Viele fangen mit David an. Außerdem beschreibt der Autor oft kleine Details, die in der Natur von der Hauptfigur wahrgenommen werden. Eine Libelle, eine Ameise, das Blau des Himmels, eine Biene. Diese Elemente kehren in vielen seiner Romane immer wieder. In diesem Roman kommt der Kampf eines einzelnen Menschen gegen den starren Institutionen, die nur das zulassen, was sie kennen und verstehen, sehr gut zum Vorschein.
Mahlers Wahnsinn - Kehlmanns GenieJanuar 23, 2010 Dr. M.(Aßlar) 1 aus 1 fanden die folgende Rezension hilfreich
Paranoia und Verschwörungsglaube sind beileibe kein neuer Stoff. Darren Aronofskys "Pi", der hier schon angeführte Streifen "A Beautiful Mind" oder auch Hans C. Schmids "23" verfügen über ähnlich paranoide Protagonisten wie Daniel Kehlmanns früher Geniesteich um einen Physiker, der, ähnlich wie Kafkas Gregor Samsa, eines Tages aufwacht und eine unglaubliche Entdeckung macht, die sein Leben auf den Kopf stellt. Dr. David Mahler hat sich freilich nicht in einen Käfer verwandelt; er hat vier Formeln zum zweiten Hauptsatz der Thermodynamik gefunden, mit denen er die Zeitlichkeit der Existenz aufheben zu können vermeint. Mahler vertraut sich seinem alten Schulfreund Marcel und seiner Freundin Katja an, doch beide sind skeptisch, Marcel aber wenigstens solidarisch. Mahlers Leben erschwert sich zusätzlich dadurch, dass er glaubt, die Schergen einer undefinierbaren Macht seien hinter ihm her, weil sein verwegener Angriff auf deren Grundfesten nicht ungestraft bleiben könne. Ein LKW-Unfall, Tote in seiner Nähe, zerbrochene Laternen, Hubschrauber und eine Herzattacke bei ihm selbst addieren sich in seiner Wahrnehmung zu Warnungen. Mahler degeneriert zum Gehetzten. Vor seinen Studenten verzettelt er sich ebenso wie bei einem Vortrag vor der Fachwelt. Diese, sein vorgesetzter Professor allen voran, hält ihn für verrückt, im günstigsten Fall für einen lächerlichen Spinner. Mahlers letzte Hoffnung ist Professor Valentinov, ein Wissenschaftler von Weltruf, der allein, so glaubt Mahler, seine Formeln zu würdigen wissen werde, wenn er nur zu ihm dringen könne. Gemeinsam mit Marcel fährt er zu einem Kongress, sprengt den Vortrag des Wissenschaftsministers und verkündet vor laufenden Kameras seine Hauptthesen, bis er hinausgeworfen wird. Valentinov hat den Kongress leider schon verlassen, aber der Zug ist noch nicht abgefahren. An einem See in Bahnhofsnähe kommt es dann endlich zu der erhofften Begegnung mit der Koryphäe, aber es ist, Mahler hat es geahnt, zu spät.
Die unerhörte Begebenheit am Schluss macht deutlich: Kehlmanns Buch ist eher eine Novelle als der proklamierte Roman. Gelegentlich musste ich an Thomas Manns erste herausragende Novelle "Der kleine Herr Friedemann" denken, in der der Held ebenfalls, durch verstörende Ereignisse aus seinem vertrauten Leben gerissen, tragisch endet. Mitunter drängt sich der Verdacht auf, Kehlmann kennt sich deshalb so gut aus in der Psyche von erwachsen gewordenen Wunderkindern (solche waren ja auch die beiden Hauptfiguren in der "Vermessung der Welt"), weil er selbst eines ist. Kaum anders erklärt sich ein so exzellent erdachtes und geschriebenes Buch, dem ich vor allem den Verzicht auf die selbstinszenatorischen Eitelkeiten hoch anrechne, gegen die man sich ja sonst bei zeitgenössischen Autoren immer wappnen muss. Ja, man glaubt es kaum, aber hier scheint ein Gegenwartsliterat (und Suhrkamp-Autor!) seine Leser mehr zu lieben als sich selbst: Er benutzt noch Anführungszeichen! Seine besondere Faszination bezieht dieses Psychogramm aus der gekonnt durchgehaltenen Balance zwischen Genie und Wahnsinn, die Kehlmann auf seiner erzählerischen Achterbahnfahrt durch die Psyche seiner Hauptfigur gelingt.
Also vor allem eine gut ausgedachte Geschichte? Tatsächlich berichtete DER SPIEGEL vor etwa einem Jahr von dem Fall eines Akademikers, der von seinen Verwandten entmündigt werden sollte, weil sie ihn für verrückt halten, eines Mannes, der ebenfalls hoch komplexe Formeln zu Papier zu bringen versteht und sich ähnlich wie David Mahler als hochbegabter Wissenschaftler profilierte, bis schließlich niemand mehr seinen Überlegungen und Berechnungen zu folgen vermochte und alle ihn für geistig verwirrt hielten. Welche Vorbilder der Autor auch immer vor Augen hatte, als er "Mahlers Zeit" schrieb, sein Buch ist, egal ob man seine Hauptfigur für klar im Kopf hält oder nicht, beruhigenderweise deutlich mehr ein Beweis für Genialität als für Wahnsinn.
Fiktion einer FiktionJanuar 14, 2010 Milena Mühl 1 aus 1 fanden die folgende Rezension hilfreich
Erstaunlich, wie Kehlmann es schafft, ein hochtheoretisches Thema in der Figur des David Mahler so zu beleben, dass der Leser mit allen Sinnen an seiner Geschichte teilnimmt. Schwächere Talente hätten die abstrakten Klippen der Physik nicht so überzeugend umschifft und wären an ihren diskursiven Ambitionen gnadenlos gescheitert. Aber nicht nur das:
Dieser Roman handelt von einem Außenseiter. Mahler ist als Wunderkind und Wissenschaftler, als Freund und Liebender ein Außenseiter, und er bleibt es auch. Seine Isolation, die in der Genialität und einem traumatischen Kindheitserlebnis wurzelt, nimmt mit den Jahren nicht ab, sondern zu. (Ironischerweise lässt der Autor ihn als Torwart eines Fußballteams nicht wie gewohnt über seine Hochbegabung stolpern, vielmehr feuert ihn der Trainer, weil er zu dick ist.) Damit spielt er nicht nur eine Rolle im "Drama des hochbegabten Kindes", sondern er ist auch ein Stellvertreter all jener, die aus den Normen gesellschaftlicher Systeme herausfallen, mögen sie nun Erfolg haben, wie Mahler mit der Entdeckung eines alternativen Zeitmodells, oder nicht, wie der Bettler, der auf einer Parkbank im Beisein Mahlers verendet.
Der Roman, oder besser die Novelle, ist auch die Fiktion einer Fiktion, nämlich der Zeit, die am Ende höchst real erscheint, und der niemand, nicht einmal der sie entzaubern wollende Protagonist, entkommen kann. Es ist diese doppelbödige Ironie, die den Charme des Werkes ausmacht und den Leser (un-)freiwillig an die Grenzen seines Bewusstseins führt.
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