Ein Ausflug in die HurereiSeptember 6, 2008 29 aus 36 fanden die folgende Rezension hilfreich
Dachten wir vielleicht vor über 25 Jahren noch dank Christiane F., dass nur Drogensüchtige auf den Strich gehen, ist es heute natürlich schon lange kein Geheimnis mehr, dass es Frauen gibt, die ein Doppelleben führen, indem sie tagsüber ihrem Job als Mutter und Hausfrau oder einer normalen Sekretärin nachgehen, während sie sich nachts den Männern für Geld hergeben. Ich persönlich habe aber bis zu diesem Buch noch nie einen detaillierten Zugang zu diesem Milieu bekommen. Dank Sonia Rossi weiß ich nun, wie eine Frau in diese Situation kommen kann und vor allem, wie es ihr dabei geht. Und ich glaube, dass gerade in diesen Zeiten von Hartz 4 der Abrutsch" in dieses Milieu weiter gestreut ist, als wir denken. Denn wem der Magen knurrt, der wird sicher eines Tages ALLES dafür tun, dass Geld in die Kasse kommt.
In ihrem Roman schreibt Sonia Rossi über sich selber, über ihr Leben als brave Studentin und über den Job als Prostituierte, mit dem sie sich über Wasser hält, um das Studium finanzieren zu können. Als Sonia auf der Rückfahrt ihres Heimatortes in Italien im Zug nach Berlin Jörg kennen lernt und dieser sie nach ihrem Job fragt, antwortet sie ihm Ich bin Hure" und dann beginnt sie damit, ihm und natürlich auch dem Leser dieses Buches, ihre Geschichte zu erzählen.
Um Geld zu verdienen fängt Sonia mit einem Job in einem Sex-Chat an, bei dem sie sich vor Männern, die sie über eine Webcam beobachten, auszieht. Nicht weit ist der Weg dann von diesem Job zu einem Massagesalon, in der sie nackte Männer nackt massiert. Und mehr. Immer wieder plagt sie das schlechte Gewissen ihrem arbeitslosen Freund Ladja gegenüber, aber sie braucht auch weiterhin schnell verdientes Geld, um den Lebensstandard halten zu können.
Sonia Rossi beschreibt nun viele Männer, die sie in all den Jahren als Hure kennen lernt. Vom armen Studenten bis hin zum absoluten Spießer, der, was das sexuelle angeht, alles andere als spießig ist, beschreibt sie die verschiedenen Sexpraktiken, die die Männer von ihr verlangen und denen sie auch größtenteils (des Geldes wegen) zustimmt. Irgendwann heiratet sie Ladja, verliebt sich nach einiger Zeit aber in Milan, der ihre ganz große Liebe wird. Immer wieder ist sie hin- und hergerissen zwischen ihren Gefühlen Milan gegenüber und dem schlechten Gewissen Ladja gegenüber. Und dann steht da ja noch ihr Job als Hure dem Ganzen gegenüber, der eigentlich so gar nicht in das Weltbild von Sonia passt und doch scheint ihr keine andere Wahl zu bleiben.
Ladja hat das Arbeiten nicht gerade erfunden und gibt das hart verdiente Geld von Sonia gerne aus. Das ändert sich auch nicht, als die Familienverhältnisse der beiden sich auf einmal ändern.
Sonia Rossi hat uns einen tiefen Einblick in das Milieu der Hurerei gegeben und ich fand diesen Ausflug sehr interessant. Nicht selten bekam ich meinen Mund nicht mehr zu, wenn sie von Sexpraktiken und -wünschen ihrer Freier schrieb, die bislang vollkommen an mir vorbeigezogen sind. Zudem wusste ich auch nicht, dass es Huren gibt, die zwar in einem Stammbordell arbeiten, aber ab und zu an andere Bordelle in anderen Städten ausgeliehen" werden können, um dort (wie es im Fachjargon heißt) auf Dienstreise" zu gehen.
Sehr interessant fand ich auch die teilweise eingebrachten Fußnoten, die Erklärungen zu den Hintergründen der Lokalitäten und Begebenheiten geben konnten.
Alles in allem ein sehr interessantes Buch, in welchem sich eine mir unbekannte detaillierte Art des Geldverdienens offenbarte und in der sich Sonia Rossi für mich als sehr toughe und starke Frau zeigte. Auch wenn sie finanziell gesehen ganz unten war, so hat sie dies doch nur aus einem Grund gemacht: Um zu überleben und um sich damit irgendwann einen Lebensstandard leisten zu können, der ihrem Leben angemessen sein wird. Ich wünsche der Autorin und vor allem auch ihrem Sohn auf jeden Fall ein unbeschwertes Leben ohne die Hurerei, die ihr Dasein mit Sicherheit für immer geprägt haben wird.
Abwechslungsreich, ungewöhnlich, lesenswert!August 5, 2008 60 aus 81 fanden die folgende Rezension hilfreich
Jeder, der zu vorschnellen Urteilen über seine Mitmenschen neigt, der sie anhand ihrer Vita und ihrer aktuellen Art des Gelderwerbs denkt, einschätzen zu können - und dazu zähle ich mich - sollte Fucking Berlin" lesen. Es hilft keinesfalls, Vorurteile abzubauen, da doch einige Klischees bedient werden. Aber es regt einen dazu an, in einen Dialog mit sich selbst zu gehen.
Die Lektüre hat mich beeindruckt und schockiert, weil er mir ein Leben einer Gleichaltrigen vor Augen führt, dass für mich Lichtjahre entfernt scheint. Er hat mich unterhalten, indem er mir auf anrührende und dennoch immer die Grenze des Profanen nicht überschreitende Weise verdeutlicht hat, dass es mir während meiner Uni-Zeit auch hätte anders gehen können. Auch, wenn ich doch stark bezweifle, dass ich den gleichen Weg gegangen wäre, den Sonia Rossi eingeschlagen hat und nun in ihrem autobiografischen Geständnis" beschreibt.
Fucking Berlin" ist abwechslungsreich durch die verschiedenen Kurzportraits der Figuren und die drastische, authentische Wortwahl, die keinesfalls gewollt obszön ist. Er zeigt die menschliche Seite hinter der Hure - und das ohne auf die Tränendrüse zu drücken. Rossis Absicht scheint es nicht zu sein, Verständnis für die Huren dieser Welt einzufordern. Sie beschönt nichts, täuscht nichts vor, zeigt einfach den täglichen Ist-Zustand tausender Frauen.
Kurz: Das Buch zeigt, dass der Sozialstaat Deutschland keineswegs alle auffängt - und gerade deshalb ist der ungewöhnliche Weg der jungen Frau besonders lesenswert!
Absolut überzeugtAugust 23, 2008 14 aus 22 fanden die folgende Rezension hilfreich
... hat mich das Buch, sowohl vom Erzählerischen Stil, als auch vom Inhalt her, sehr interessant! Obwohl ich so manches Mal mit dem Kopf schütteln musste! So ist es beispielsweise für mich nicht so ganz nachvollziehbar, wie man mit so nem "Weichei" (O-Ton der Autorin!) so lange, so eng zusammenleben, zusammenbleiben kann - ja ihn sogar noch in seiner Faulheit zu unterstützen, indem man ZWEI Jobs nachgeht, nämlich anschaffen UND studieren!
HUT AB vor der Autorin, dass sie das alles so gut unter einen Hut bekommen hat, viele Situationen aus ihrem Leben sind auch mir nicht ganz fremd, die sie in ihrem Buch beschreibt ...
Aber so ganz verstehe ich als Mutter es auch nicht, wie man mental damit umgehen kann, auch als schwangere diesen Job noch auszuführen, das finde ich persönlich schon, gelinde gesagt, abstoßend. Aber wenn sie damit klar kommt, bitte schön, ich an ihrer Stelle hätte meinen Freund in den Allerwertesten getreten, dass er in der Situation, an der er nicht ganz unschuldig ist, gefälligst irgend einen Job annimmt. Aber das nur nebenbei, jeder ist anders.
Die Autorin ist mir persönlich sehr sympathisch; ich habe das Buch, nachdem ich es auf dem Alex (ich wohne, genau wie die Autorin in Berlin, die Orte sind mir also keineswegs fremd, die sie beschreibt) im Buchladen entdeckt habe, kurzerhand mitgenommen, hatte vorher nicht davon gehört - normalerweise kaufe ich keine Bücher zum "Normalpreis" sondern warte, bis ich sie gebraucht bekomme, aber bei diesem war das anders, da hat mich der Klappentext persönlich so angesprochen, dass ich eine Ausnahme gemacht habe u. dann das Buch regelrecht "verschlungen" habe.
Ich kann die eine Rezension unten nicht verstehen, von wegen "flach wie Knäckebrot" - das finde ich keinenwegs! Man merkt beim Lesen, wie ich finde, dass die Autorin was im Kopf hat (anders als bei gewissen "Bestsellern", die einfach nur pervers sind, ich glaube die Leute wissen auf welches Buch ich hinaus will!)
Mit Sonia Rossi würd ich gern mal nen Kaffee-Klatsch machen, einfach weil sie gut rüber kommt, obwohl sie sich bestimmt nicht immer "piekfein" benimmt, aber sie beschönigt auch nichts, schon gar nicht hebt sie sich in den Himmel.
Auch ich wünsche der Autorin alles Gute für sich u. ihren kleinen Sohn, ich hoffe sehr für sie & ihren Spross, dass sie nie wieder gezwungen ist, anschaffen zu gehen, sondern sich ihrem Kind widmen kann - so wie man es sich als Mutter wünscht! ;o))
FAZIT: SEHR EMPFEHLENSWERT!
Das Buch geht einem tagelang nicht aus dem Kopf...September 4, 2008 9 aus 14 fanden die folgende Rezension hilfreich
Ich musste noch tagelang über das Buch nachdenken. Es ist sehr hart und nüchtern erzählt und die Einblicke, die man in das Leben einer Hure bekommt, sind teilweise schon sehr erschreckend. Andererseits fand ich die gegensätzlichen Lebensweisen in direkter Gegenüberstellung schon irgendwie faszinierend. Fucking Berlin ist mit Sicherheit ein Buch, das den Otto-Normalverbraucher schockieren soll... Der flüssige Schreibstil hat mir sehr gut gefallen. Ein wirklich gutes Buch.
Auch nur ein MenschAugust 14, 2008 7 aus 13 fanden die folgende Rezension hilfreich
Auch ich bin über die Bildzeitung auf dieses Buch aufmerksam geworden und habe es mir letzten Sonntag in Hamburg gekauft. Das Buch hat mich bewegt und beeindruckt. Es spiegelt klar wieder das "Huren" Menschen sind wie Du und ich. Das Buch lässt sich leicht und schnell lesen ist gut geschrieben und spiegelt das Rotlichtgewerbe so wieder wie wir es kennen. Eine bewegende Geschichte einer intelligenten Frau die Ihr Geld für das Studium im Puff verdienen muss und zu Hause Ihren Mann der gänzlich versagt mit durchfüttern muss! Sehr zu empfehlen!