Hoffentlich der Anstoß zu einer längst überfälligen DiskussionFebruar 1, 2008 The-One-who-is-concerned(Raum Bonn) 552 aus 610 fanden die folgende Rezension hilfreich
Achtung: Dieses Buch ist kein weiterer Erziehungsratgeber, aber es zeigt die Hintergründe auf, warum der Bedarf an Sachbüchern dieser Art in den letzten Jahren so stark gestiegen ist und weshalb ein Showformat wie "Die Super-Nanny" ein Quotenrenner bei RTL werden konnte. M. Winterhoff stellt auch kein neues erziehungswissenschaftliches Konzept vor. Vielmehr handelt es sich um eine schonungslose Analyse der Auslöser für die gestörten Beziehungen zwischen Eltern (und sonstigen pädagogisch Tätigen) und Kindern, die mehr die gesamtgesellschaftlichen Hintergründe für das immer stärker auftretende Phänomen der kleinen Tyrannen" beleuchtet als die einzelne Familie mit ihren individuellen Problemen und sich dabei hauptsächlicher soziologischer Kriterien bedient, ohne die psychologischen außer Acht zu lassen.
Das Lesen dieses Buches tut weh - weil es in gewisser Weise unser pädagogisches Weltbild, das sich seit den 70'er Jahren entwickelt und in den Elternhäusern und Institutionen immer stärker verbreitet und verfestigt hat, in den Grundfesten erschüttert. So wird die uns inzwischen in Fleisch und Blut übergegangene Maxime, Kinder seien in allen erzieherischen Belangen, partnerschaftlich", sprich als kleine Erwachsene" zu behandeln, als Ursache für die immer stärker auftretenden Beziehungsstörungen zwischen Kindern und Erwachsenen entlarvt. Das Ergebnis des wohlmeinenden Konzepts von einem nahezu gleichartigen Umgang auf Augenhöhe zwischen heranwachsenden und erwachsenen Menschen sind nicht etwa glücklichere" Kinder, sondern psychisch Unreife, die durch eine viel zu frühe, partnerschaftlich orientierte" Teilnahme am Erwachsenenleben den Schutz, den eine sorgfältige Abgrenzung zwischen Kinder- und Erwachsenenwelt früher ganz natürlich bot, verloren haben. Die Überfrachtung der Kinder mit Erwachsenenthemen, die deren im Wachstum befindliche Psyche noch gar nicht verkraften kann, führt dazu, dass sich narzisstische Verhaltensweisen entwickeln und verstärken, so dass die Kinder ihr Gegenüber in der Folge nicht mehr als Mensch mit eigenen Bedürfnissen wahrnehmen können, sondern vielmehr als einen Gegenstand, den es den eigenen Wünschen gemäß zu steuern gilt.
In klaren Worten, untermalt von vielen Beispielen aus seinem Praxisalltag als Kinderpsychiater, haut uns M. Winterhoff die schmerzliche Wahrheit um die Ohren, ohne jedoch dabei die sonst oft üblichen Schuldzuweisungen (an Eltern, Lehrer oder die Politik..) vorzunehmen. Vielmehr sieht er die Ursache für die beziehungsunfähigen Kinder und Jugendlichen in der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung.
Die Erkenntnisse dieses Buches sollte Aufnahme in die Ausbildung aller pädagogisch Tätigen finden, ob Lehrer, Erzieher, Kindertherapeuten oder Eltern und Anstoß zu einer gesellschaftlichen Diskussion sein für jene, die im engeren oder weiteren Umfeld mit Kindern zu tun haben - letztendlich also für uns alle...
Kinder müssen Kind sein dürfenJuni 10, 2008 Kilian Braun 211 aus 237 fanden die folgende Rezension hilfreich
Mit diesem höchst interessanten Werk hebt sich der Autor Michael Winterhoff deutlich von den "üblichen" Erziehungsratgebern ab und spricht eine Problematik an, die mit jedem Jahr immer deutlicher wird. Es wächst eine Generation heran, bei der sich erschreckend Viele (nicht alle!) scheinbar nur schwer oder sogar gar nicht in das Gesellschaftssystem einfügen können. Von psychischer Unterentwicklung und Arbeitsunfähigkeit aufgrund mangelnder Sozialkompetenzen ist in Winterhoffs Buch zu lesen. Harte Aussagen, die leider keineswegs an der Realität vorbei gehen. Wer sich in seinem Umfeld einmal umschaut wird möglicherweise sogar auf passende Fälle stoßen oder beispielsweise in der Firma mit Auszubildenden, die sich absolut unpassende Dinge mit einer Selbstverständlichkeit herausnehmen, die schon erschreckend ist.
Kinder müssen Kinder sein dürfen - das ist die Kernaussage, denn nur so können sie nicht nur körperlich wachsen und gedeihen, sondern eben auch geistig sich entwickeln, um später einmal ein junger, kompetenter Erwachsener zu sein, der durchaus seinen eigenen Kopf haben darf, es jedoch gelernt hat, sich in das System Familie/Berufswelt/eigene Beziehung hineinzufinden. Dazu darf dem Kind nicht die Kindheit genommen werden und das wird sie, wenn Eltern zu partnerschaftlich, zu sehr "auf einer Ebene" mit den Kindern umgehen. Kinder dürfen ausgelassen und sorgenfrei spielen und den Alltag bestreiten - der Preis dafür ist jedoch, dass sie sich von den Erwachsenen etwas sagen lassen müssen, dass die Eltern den Takt angeben, den Rahmen bestimmen und eben nicht die Kinder. Dieses Privileg soll der Nachwuchs erst mit fortschreitendem Alter erhalten, eben erst dann, wenn der den neuen Ansprüchen und Anforderungen auch geistig gewachsen ist.
Ein gesunder Mittelweg ist wohl das beste Mittel, auch wenn "sich natürlich, instinktiv" verhalten, heutzutage denkbar schwer geworden ist. Wir verlassen uns mehr und mehr auf Elektronik, Internet und Fachwissen von Außen, statt auf unseren Bauch bzw. unser Herz zu hören. Von dem Wahn besessen, Kinder sollen sich möglichst frei entfalten können, vergisst man, die natürlichen, eigentlich selbstverständlichen Grenzen zu setzen. Dies wird vor allem in der Öffentlichkeit schwer, wenn man (wie auch von Winterhoff angesprochen) sein Kind mit (notwendiger) Konsequenz maßregelt, und die Blicke der Passanten die Eltern als "viel zu hart" abstrafen. Erziehung ist harte, anstrengende Arbeit. Solange man nicht selber Kinder hat, kann man sich das nicht so recht vorstellen. Daher kann man nur selber als Vater bzw. Mutter nachvollziehen, dass jeder einmal "erziehungsmüde" ist. Es kostet an manchen Tagen unglaublich viel Energie und jedem kommt mal der Gedanke "Ach was solls, lass' das Kind doch einfach machen". Bleibt so etwas die Ausnahme, ist es überhaupt kein Problem, ist dies jedoch die grundsätzliche Einstellung, wird man für die Erziehungsfaulheit teuer bezahlen, wenn auch erst Jahre später, wenn man ernüchternd feststellen muss, dass sein Kind (mittlerweile im Alter eines jungen Erwachsenen) nicht einmal zu den banalsten gesellschaftlich sozialen Dingen in der Lage ist, sondern nur dem Vergnügen und immer uneingeschränkt seinem eigenen Willen nachgehen will - und vor allem gewohnt ist, diesen auch zu erhalten.
Ich bin von Winterhoffs Werk sehr begeistert, da er mich in meinem Vater-Dasein bestärkt. Ich bin ganz klar für Zuckerbrot+Peitsche: mahnen und reglementieren ABER auch loben! Die Eltern bestimmen bei kleinen Kindern den Rahmen des Tagesablaufs, unterbinden ungebührliches Verhalten, loben und bestärken das Kind bei Erfolg und stehen immer mit Rat und Tat zur Seite. Mit fortschreitendem Alter kommen neue Rechte, aber auch neue Pflichten. Aber keinesfalls darf es zu autoritär werden, zu diktatorisch, denn sonst kommt das nächste Buch raus mit dem Titel: "Warum Eltern Diktatoren werden: Oder: Die Abschaffung des freien Willens."
Klarheit über Kinder in unserer GesellschaftNovember 17, 2008 Dierkes, Gerhard 9 aus 10 fanden die folgende Rezension hilfreich
Viele, die mit Kindern befasst sind, haben heute das Gefühl, dass irgendetwas Grundsätzliches den Umgang mit den Kindern und den Erfolg der Erziehung erheblich erschwert. Einige mögen auch schon eine grobe Ahnung haben, was die Ursachen sind, Winterhoff bringt Klarheit.
An einigen Stellen führt Winterhoff eine Psychologen-eigene Sprechweise ein, z. B. "Nervenzelle Mensch" für die Fähigkeit eines Kindes, ein Gegenüber als eigenständigen Menschen wahrzunehmen. Vielleicht wird sich von diesen Ausdrücken das eine oder andere durchsetzen, wenn Winterhoff mit weiteren Büchern Maßstäbe setzt, wie einst Rudolf Dreikurs ("Kinder fordern uns heraus", Klett Cotta Verlag).
Gestärkt mit der im Buch vermittelten Denkweise dürften die Eltern ihren Kindern mit mehr Selbstvertrauen entgegen treten. Ich freue mich schon auf das nächste Buch dieses Autors, wenn er seine Erkenntnisse zu konkreten Erziehungskonzepten weiter entwickelt.
Kinder brauchen Erziehende, die auch Grenzen ziehen!Februar 8, 2008 Neuschäfer(Erkelenz, Rheinland) 149 aus 184 fanden die folgende Rezension hilfreich
Wenn Kinder aus dem Häuschen sind, zeigt sich zumeist, was Zuhause tatsächlich los ist. Wenn Kinder keine Kinder sein können und Eltern nicht mehr ihre Rolle ernst nehmen, sind junge Menschen schnell von der Rolle" und gerät die Gesellschaft aus dem Ruder. Am Ende stehen alle vor einem Scherbenhaufen mit Kindern als Tyrannen, die zwar bei ihren Eltern, Erzieherinnen und Lehrkräften das Heft in der Hand haben, aber letzten Endes lebensuntüchtig sind. Wer dieses mutige Plädoyer aufschlägt, wird sich vieles aus dem Kopf schlagen müssen, was seit Jahrzehnten in den Köpfen verantwortlicher Personen in Kindergarten, Schule, Kirche und Zuhause rumgeistert. Begeisterung und Zustimmung oder entgeisterte Ablehnung bestimmen daher die Reaktion auf dieses revolutionäre Buch des Bonner Kinder- und Jugendpsychiaters Michael Winterhoff. Hoffen viele Pädagogen noch, dass problematische Phänomene bei Kindern nur ein "Kind der Zeit" sind, die man nicht überbewerten, sondern lediglich als "Selbständigkeit" umdeuten sollte, ist der Autor bedeutend realistischer. Er nimmt die vielfältigen Störungen junger Menschen aus psychiatrischer Sicht wahr und kommt zu einem wahrhaft ernüchternden Ergebnis: Kinder dürfen kaum noch Kinder sein und Erwachsene wollen zumeist keine Erziehenden sein. Dabei zieht das Buch eine Linie von mangelnder Orientierung, Grenzensetzen und gesunder Autorität hin zu der Sehnsucht der Kinder nach deutlichen Worten und eindeutigem Verhalten der Erwachsenen. Seine Thesen untermauert der Experte mit einer Palette an Einsichten und Beispielen aus der Praxis. So ist eine Verweigerungshaltung gegenüber einer Erzieherin oder Lehrerin keine gewollte Bösartigkeit, sondern schlicht darin begründet, dass das Kind in ihr kein Gegenüber sieht, das für ihn von irgendeiner Bedeutung wäre. Sehr deutlich wird der erfahrene Inhaber einer eigenen Praxis in punkto Ausflüchten der Eltern: Sie "neigen heute vermehrt dazu, ungewöhnliches Verhalten ihrer Kinder nicht mehr als solches zu erkennen, sondern es zu verniedlichen". Der Autor entlarvt dabei die Tendenz, immer niedrigere Maßstäbe zu akzeptieren und immer weniger Ansprüche an das Verhalten von Kindern zu stellen. Die Fehlentwicklungen der Kinder und Jugendlichen sind mit bisherigen pädagogischen Konzepten und therapeutischen Bemühungen nicht in Griff zu bekommen. Ein "Elternführerschein" sei auch keine Lösung, weil die staatlichen Pädagogen/innen ebenso vom partnerschaftlichen Denken geprägt sind. Daher fordert Michael Winterhoff: "Das Denken muss die Richtung wechseln!" (S. 54). Dazu gehört erstens eine eindeutige Diagnose, zweitens eine veränderte Sicht auf Kinder, die zwar als Subjekte zu achten, jedoch nicht als Partner zu überfordern oder zu instrumentalisieren sind. Nicht nur Alleinerziehende ziehen gerne an einem Strang mit Psychologen, die mangelndes Sozialverhalten von Kindern mit Selbstbewusstsein verwechseln. Viele Eltern vergessen, dass Erziehung auch Anstrengung und klare Grenzen bedeutet. Kinder sind einfach damit überlastet, wenn sie unentwegt mitbestimmen dürfen und ihnen nicht bestimmt Grenzen gesetzt werden. Drittens haben Eltern ihre Erziehungsverantwortung überhaupt erst einmal an- und wahrzunehmen, um Kindern als zu respektierendes Gegenüber begegnen zu können. Denn mittlerweile ist es zur Regel geworden, dass Kinder bestimmen und zu den Erziehenden ihrer Eltern werden, die auch vor Gewalt nicht zurückschrecken. Viertens haben pädagogische Modelle von Partnerschaft ihr Scheitern an der Realität einzugestehen und nicht durch veränderte Maßstäbe an Kinder zu kaschieren. Ein Kapitel zum Einfluss der Medien darauf, wie Kinder Erwachsene sehen, hätte den rundum anregenden Zündstoff abgerundet. Und wenn Michael Winterhoff wüsste, wie es im Osten Deutschlands aussieht, wo Instrumentalisierung von Kindern lange Tradition hat und die meisten heutigen Eltern nie hauptsächliche Erziehung durch ihre eigenen Eltern erlebt haben, wäre dieses Buch noch eine Spur deutlicher und dramatischer ausgefallen. Ein flüssig geschriebenes Buch voller Einsichten und Einblicke, die pädagogische Tabus ansprechen und mit einem biblisch-realistischen Menschenbild ernst machen. Dieses Buch sollte zur Pflichtlektüre in der pädagogischen Ausbildung werden - es sei denn, man würde lieber leiden als die Probleme lösen wollen.
Anstoss für eine Diskussion, die etwas ins Rollen bringtJuli 18, 2008 Detlef Rüsch(Freising, Bayern) 24 aus 30 fanden die folgende Rezension hilfreich
Das Buch ist eine sehr kritische Beleuchtung des Umgangs mit Kindern in unserer Gesellschaft. In einer alternden Gesellschaft bekommen sie ein immer kleineres Gewicht hinsichtlich ihres Bevölkerungsanteils, andererseits erhalten sie dadurch auch wieder in Einzelsituationen mehr Beachtung. Michael Winterhoff, als Vater und langjähriger Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatire, kann hier sicher aus einem reichen Fundus an Fallbeispielen zurückgreifen. Ihm gelingt es dabei vor allem, nicht an sich einzelne Bevölkerungsteile per se anzuschwärzen, seien es nun Erzieher/-innen, Lehrer/-innen, Politiker/-innen oder die Mütter und Väter. Vielmehr geht es ihm - ähnlich wie Neil Postman beim "Verschwinden der Kindheit" - darum, aufzuzeigen, wie Kinder immer seltener Kinder sein können. Ob es nun um Mediennutzung, Nahrungsmittelkonsum, Erziehungsverhalten oder die Nutzung von Geld geht: Michael Winterhoff macht klar - oder sollte man hier eher von einem Offenbarmachen sprechen? - wie sehr man sich häufig an Kindern orientiert, ohne zu beachten, dass ihnen Entwicklungsschritte und Übersichten noch fehlen. Kinder sollten wieder Kinder sein dürfen, mit allen Grenzziehungen und Entwicklungsmöglichkeiten, die hierfür berücksichtigt werden müssen. Der Autor zeigt anhand von Fallbeispielen, wie sehr Entscheidungen heute von Kindern getroffen werden, die sie eigentlich nicht verantworten können oder müssen. Winterhoff ermutigt dazu, nun nicht "die Kinder" als Feindbild zu sehen, sondern sich vielmehr bewusst zu machen, wohin es führt, wenn man ihnen statt Beteiligung Macht einräumt und mit Entscheidungen überfordert. In 9 Kapiteln mit an- und machmal aufregenden Titeln ("Super-Mamas und Erziehungsnotstand", Partnerschaftlichkeit, Projektion, Symbiose, "Kinder wieder als Kinder sehen",...) erfasst Winterhoff nahezu alle alltagsrelevanten Prüfsituationen mit Kindern zuhause und in Einrichtungen bzw. in der Öffentlichkeit. Sein Appell richtet sich vor allem daran, hier mehr Bewusstwerdung zu schaffen und Kinder als Entwicklugnswesen zu sehen, die an ihren Aufgaben und Herausforderungen wachsen können und müssen. Das Buch würde mißverstanden, sehe man es als Aufforderung, wieder zur autoritären Erziehung überzugehen. Doch auch Laissez-faire wäre nicht angemessen. Vielmehr geht es um ein gesamtgesellschaftliches Miteinander, dass Kindern auf Augenhöhe begegnet und dennoch ihren jeweiligen Reifegrad im Blick behält. Dies erfordert Mühe und Anstrengung. Michael Winterhoff ist es gelungen, ein Buch zu schreiben, das praxisnah den Widerspruch einfordert und eine Diskussion in Gang bringt, die nicht nach Schuldigen sucht, sondern Chancen ergreifen will, die Positionen im Spielfeld "Gesellschaft" wieder neu auszurichten. Möge man sich nicht auf pro und contra beschränken, sondern sich wieder auf die Gestaltungskraft jeder Generation besinnen. Kinder wollen ins Spiel gebracht werden. Spielregeln und Spielräume brauchen sie und wir alle zur gesunden Entwicklung. Möge man ihnen dies schenken. Denn nur wenn wir Kinder Kinder sein lassen, können wir Erwachsenen auch als Erwachsene ernst genommen werden.