Spiegel der GesellschaftSeptember 1, 2008 Ursula Schrelle 254 aus 348 fanden die folgende Rezension hilfreich
Was für mich besonders bezeichnend ist, ist dass diejenigen, die die subtilere Botschaft des Buchs verstanden haben, dazu neigen, eine hohe Anzahl an Sterne zu vergeben, während die 1-Sterne-Rezensionen es (völlig falsch) als Hymne und Lobpreis an den Ekel, abartige Perversionen und hemmungsloses Übergehen intimer Grenzen werten. (Sorry für die Arroganz, Leute...!) Tatsächlich und letztendlich geht es in diesem Buch auf ganz und gar feinsinnige Art und Weise um eine junge Frau, deren seelischer Schmerz für sie so überwältigend geworden ist, dass sie ihn durch allerschlimmsten tatsächlichen Schmerz konkretisieren und für sich selber greifbar machen muss, bzw. darüber hinaus versucht, ihn anderen mitzuteilen. Niemand erkennt, dass sie ihren Schmerz und ihr schonungslos dargelegtes Innerstes (sprichwörtlich und tatsächlich - Innerstes = diverse Körperöffnungen...) in die Welt hinausschreit (letzter Satz des Buches: sie schreit!), um jeden Preis gehört und wahrgenommen werden will mit dieser unbegreiflichen Geschichte, die sie in ihrer Familie erlebt hat. Sogar die Ärzte "hören" sie nicht, nehmen ihr eigentliches Problem nicht wahr. Ihre eigenen Eltern besuchen sie nicht einmal im Krankenhaus. Gigantisch und faszinierend sämtliche Frauenzeitschriften, Rezensionen, Stimmen von Lesern, die es ebenfalls nicht wahrnehmen: Dass wir uns daran gewöhnt haben, Menschen dabei zuzusehen, wie sie vor die Hunde gehen (Amy Winehouse, Britney Spears) und dann auch noch sagen: Mensch, sind die aber fertig! - anstatt: Was steckt eigentlich dahinter, dass ein Mensch seinen Verfall öffentlich macht? Und warum, um Gottes willen, hält in unserer Zeit die Kamera drauf, wenn ein Mensch zusammengekrümmt auf der Straße liegt? Und weiter: Keiner findet es mehr erschreckend, dass ein junges Mädchen im Oberstufenalter über Analsex und Kontakt mit Prostituierten plaudert als sei es das gewöhnlichste der Welt. Warum? Weil solche Dinge gewöhnlich geworden sind. Weil keiner mehr öffentlich sagt, "hey, Sexualpraktiken sind etwas intimes und persönliches, das zerstört wird, wenn man laut darüber herumschreit." Musikvideos sind softpornographische Kurzfilme geworden, in denen die Musik nur noch eine untergeordnete Rolle spielt, und wir haben uns alle daran gewöhnt. Es fällt vielleicht noch auf, wenn sich eine Helen entsprechend gebärdet - dann heißt es: "Mensch, so eine Schlampe, Mensch, ist die eklig, usw." Warum fällt uns nicht mehr auf, dass ein so junges Mädchen in erster Linie eine Produkt ihrer Erziehung und ein Produkt der Gesellschaft um sie herum ist? Charlotte Roche hat im übertragenden Sinn eins dieser Bilder geschaffen, auf denen man die versteckte Maus finden muss. Sie hat nur nicht verraten, dass eine versteckt ist, und es ist ein Spiegel unserer Gesellschaft und ihrer Medienlandschaft, die Maus nicht zu sehen.
Ein junges, fast kindliches, sehr frisches und sehr unverblümtes BuchNovember 10, 2008 Dr. Horst Wolfgang Boger(Berlin & Potsdam, Germany) 6 aus 8 fanden die folgende Rezension hilfreich
Heute (am 4. Januar 2009) ist dieses Buch von 1198 amazon-Rezensionen beurteilt worden. 370 haben 5 oder 4 Sterne vergeben, 730 1 oder 2 Sterne. Der Rest von 98 hat sich zu einer mittleren Bewertung von 3 Sternen entschlossen.
Das Votum der amazon-Leserschaft ist also recht eindeutig: Fast zwei Drittel finden es schlecht, nämlich vorwiegend ekelerregend, widerlich, öde, trivial, schockierend, unerträglich.
Dem steht freilich die recht harte und eindeutige Tatsache entgegen, dass es heute (am 4. Januar 2009) Platz 2 der amazon-Bestsellerliste einnimmt, bereits in der 22. Auflage erschienen ist und sich laut Zeitungsberichten 1,3 Millionen mal verkauft hat. Sollten die über 700 Rezensentinnen und Rezensenten, die den Daumen gesenkt haben, von Schenkerinnen und Schenkern zum Lesen gezwungen worden sein? Oder haben sie alle, um mitreden zu können, das Buch Seite um Seite durchlitten, womöglich mit Hilfe von Antiemetika, Antihistaminika und Neuroleptika?
Ich habe das Buch vollständig gelesen, und es hat mir sehr gut gefallen. Gewiss kommen Dinge zur Sprache, die nicht unbedingt als Appetizer geeignet sind. Proktologie, Proktochirurgie, Gynäkologie und auch Sexualität haben nun mal Aspekte, die schmutzig und nicht immer appetitlich sind. Aber die Art und Weise, wie die Autorin davon berichtet, ist jung, fast kindlich, und vor allem frisch.
Abgesehen von detaillierten Schilderungen - natürlicher! - körperlicher Vorgänge gelingen der Autorin auch Sätze, für die man sie einfach nur umarmen möchte:
"Wenn man sich wirklich was gutes versprechen will: Ich bleibe bei dir, auch wenn ich dich nicht mehr liebe. Das ist ein gutes Versprechen. Das heißt wirklich für immer." (S. 98)
Wer das Buch ekelhaft, schockierend, widerlich oder unerträglich findet, sollte es einfach ganz schnell aus der Hand legen und einem jungen oder jung gebliebenen Menschen schenken, der Sinn für kindliche, frische und unverblümte Sicht- und Sprechweisen hat. (Auch ich nehme jederzeit entsprechende Sendungen entgegen; ich werde sie dann weiterreichen.)
Es bis zum Schluss zu lesen und dabei dauernd "ekelhaft" und "widerlich" zu exklamieren, kommt mir zumindest paradox vor. Es erinnert mich nicht wenig an die entrüstungspornographischen Bücher der 1950er und 1960er Jahre, in denen man Bilder nackter Frauen, seltener auch nackter Paare sehen konnte, Bilder, die mit Über- oder Unterschriften wie "Schamlos!", "Völlig enthemmt!", "Empörend!", "Ekelerregend!" und "Widerlich!" versehen waren. Die eifrigen Betrachter, wohl vorwiegend Männer, konnten somit tabuisierte Darstellungen betrachten, sich durch sie erregen lassen und sich dabei noch völlig rein und unschuldig fühlen.
"Das ist ein gutes Buch" ... vorausgesetzt man liest es wirklichMai 9, 2008 Madame Giry(Opera Garnier) 63 aus 95 fanden die folgende Rezension hilfreich
Eine Inhaltsangabe spare ich mir an dieser Stelle, wobei das letzte Drittel viele Interpretationsansätze liefert und doch alles offen bleibt. Menschen, denen der eigene Körper fremd ist, werden sich am Roman Feuchtgebiete stoßen, denn der Titel ist Programm. Keiner kann behaupten, er wäre nicht gewarnt worden - insofern muten die Ich-Ekle-Mich-So-Diskussionen mitunter grotesk an. Schade ist nur, dass aufgrund dieses exhibitionistischen Teilaspekts häufig der ganze Roman verunglimpft wird. Die Protagonistin Helen ist 18, ihr autoaggressives und unreifes Verhalten weisen auf eine Traumatisierung und vielleicht auf eine beginnende Persönlichkeitsstörung hin. Sicher eignen sich die beschriebenen Obszönitäten nicht als pornographische Schablone. Voyeure dieser Provenienz werden enttäuscht sein. Tatsächlich ist die Protagonistin Helen selbst schwer verstört und handelt dementsprechend verstörend. Diese Irritation, die sich wie ein roter Faden durch den knapp 220 Seiten langen, inneren Monolog zieht, macht die Qualität des Buches aus. Der Blick der Autorin auf ihre ambivalente Heldin ist liderlos, sie beschreibt das Geschehen wortgewaltig und bis ins abstoßende Detail genau, was den Roman über weite Strecken zu keiner leichten Kost macht. Roche schreibt noch expliziter als Helen Walsh, ist distanzloser als Catherine Millet und kommt völlig ohne den Zynismus eines Michel Houellebecq aus. Feuchtgebiete ist vielleicht nicht für jederman/frau geeignet, aber sicher eine literarische Entdeckung und für aufgeschlossene Menschen jedenfalls lesenswert.
Kommt mir nicht mit Frauenliteratur!Februar 26, 2008 Marion Müller-Martens(Düsseldorf am Rhein) 162 aus 271 fanden die folgende Rezension hilfreich
Es war Zeit und ich hab lange drauf gewartet, von einer Frau sowas zu lesen: Gnadenlos direkt, unheimlich ehrlich und verdammt intelligent begibt sich die Autorin auf die (vermeintlich) sittengefährdende, schiefe Bahn des Sexus und entwirft ein neudeutsches Sittengemälde, welches vor politischer und moralischer Incorrectness nur so strotzt...
Davon könnte ich mehr vertragen!
Wider die schöne heil rosa WeltMärz 26, 2008 Heiko Bellmann 90 aus 151 fanden die folgende Rezension hilfreich
...hat C. Roche angeschrieben, gegen vom Fernsehen verordneten Gänseblümchensex, gegen Schaffe, Schaffe, Häuslebaue, gegen die Anpassungsapologeten, Feminismusfaschos, gegen immer größere Fernseher, Autos, Titten, gegen Ganzkörperrasierte Gutmenschenpseudokraten, gegen das immer gleiche, seichte Mainstreamgeseier alá "Bloß niemandem auf die Füsse treten" ... wird natürlich nichts nützen, aber den Versuch ists allemal wert.
Hier ist endlich mal wieder eklig und "Das ist auch gut so!"