Das innere KönigreichJanuar 23, 2008 abraxas 26 aus 29 fanden die folgende Rezension hilfreich
Der Titel des Films ist ein Schlüssel. "Das innere Königreich." So ist es eine gute Möglichkeit sich den Filmen von David Lynch zu nähern, indem man sie nicht als etwas Äußerliches betrachtet, etwas das man von außen betrachtet, sondern als etwas, das im Inneren geschieht. Im eigenen Gehirn oder in der eigenen Wahrnehmung.
David Lynchs Filme erzählen von der Psyche. Ähnlich wie Bücher von Freud, nur eben nicht wissenschaftlich sondern künstlerisch. Was geschieht mit der Psyche des Menschen wenn er in unbekannte, nicht vorhersehbare Situationen gerät, die sein Verstand nicht mehr erklären kann?
Das innere Chaos in das der Mensch gerät, der über die Grenzen der normalen Realität hinausgeht ist das Thema in diesem Film. Um das zu veranschaulichen bedient sich der Film einiger Tricks, wie z. B. der Verschiebung der Zeit und das damit verbundene Verlieren der alten Persönlichkeit.
Der Film beginnt mit dem Auftritt einer Hexe, die als unbekannte Nachbarin eine Schauspielerin aus der Nachbarschaft besucht. Sie erzählt die Geschichte des Films, indem sie zuerst die Situation schildert in der sich die Schauspielerin befindet. Dann sagt sie, dass sie nicht mehr wüsste worüber sie gerade geredet hätte und das sie nicht mehr wüsste, ob es jetzt 12 Stunden später oder früher wäre als gerade eben. Sie sieht die Schauspielerin 12 Stunden später auf einem Sofa am anderen Ende des Raumes sitzen. Die Schauspielerin, die am anderen Ende des Raumes auf einem Sofa sitzt, ist auch die letzte Einstellung des dreistündigen Filmes.
Zwischen der nicht chronologisch ablaufenden Geschichte aus der Psyche der Schauspielerin werden immer wieder Szenen gezeigt in denen Menschen mit Hasenköpfen auf einer Bühne agieren und sich unterhalten. Diese Dialoge stehen in keinem zeitlichen Zusammenhang, so als würden 12 Stunden dazwischen liegen. Ein imaginäres Publikum im Off, wie in Comedy Vorabend-Serien, applaudiert zu diesen völlig absurden und sinnlosen Dialogen. Die Menschen mit den Hasenköpfen auf der Bühne sind in der Zeit voneinander getrennt! Jede der Figuren lebt in einer anderen Zeit und so können sie sich nicht verstehen und reden aneinander vorbei. Dasselbe Schicksal ereilt die Schauspielerin, wobei gezeigt wird, wie ihr langsam die Zeit entgleitet. Zuerst vermischt sich die Realität mit den Dreharbeiten zu ihrem Film. Danach vermischen sich diese Filmszenen mit einer isolierten Traumebene des Bewusstseins.
Die vorherrschende Stimmung ist eine albtraumartige Reise in verschiedene Zustände der Wirklichkeit bis hin zu vollkommen entrückten Bildern und absurden Handlungssträngen. Doch selbst diese entrückten Traumbilder entwickeln ihre eigene Realität, für die Darstellerin und die weitere Handlung des Filmes.
Eine Bedeutung dieses Filmes könnte sein, dass jeder in seiner eigenen Zeit lebt, doch wir haben uns auf eine gemeinsame Zeit geeinigt. Ohne diese Einigung auf eine gemeinsame Wirklichkeit, würde jeder in seiner eigenen, für andere unbekannten Dimension der Zeit leben. David Lynch zeigt dies aber nicht als äußerliche Tatsache, sondern als inneres Erleben. Das Äußere ist die gemeinsame Wirklichkeit, die wir alle miteinander teilen, während das Innere zu unserer eigenen Zeit führt, zu unserem inneren Königreich.
David Lynch gegen den Rest der WeltJuli 3, 2008 El Karuso 5 aus 5 fanden die folgende Rezension hilfreich
Was lässt sich zu David Lynchs neuestem Machwerk Inland Empire sagen? Überdimensionale Hasen, verzerrte Fratzen, düstere Flure, geheimnisvolle Symbole: all dies und noch viel mehr lässt Lynch in seinen knapp drei Stunden auf den Zuschauer los. Wer schon bei Lost Highway und Mulholland Drive große Probleme hatte, der Handlung einen Sinn zu geben, sollte Inland Empire erst gar nicht anrühren. Um einiges komplexer und schwieriger zu deuten kommt Lynchs neues Machwerk daher, Dimensionen wie Raum und Zeit sind mehr denn je außer Kraft gesetzt. Die große Frage lautet: Gibt es überhaupt einen Sinn, eine klare Handlung im Film? Dies sollte jeder für sich selbst beantworten, denn Inland Empire ist mehr denn je ein höchst subjektiver Film.
Mich persönlich fasziniert Inland Empire sehr. Es ist definitiv der radikalste und seit dem grandiosen Erstlingswerk Eraserhead der extremste Film Lynchs. Ich habe ihn mittlerweile vier Mal gesehen, und er wird immer besser. Ob er jetzt letztendlich im Ganzen Sinn macht oder nicht, es ergeben sich bei jedem Schauen doch ein paar neue kleine Details, die ermöglichen, Vermutungen über einen übergeordneten Sinn aufzustellen. Allein die Atmosphäre macht Inland Empire lohnenswert, der Zuschauer wird entführt in eine alptraumhafte Welt voller verstörender Ereignisse. Mich hat der Film sehr mitgenommen, er gleicht einem düsteren Psychotrip auf Drogen. Somit gehört Inland Empire für mich definitiv zu den verstörendsten Werken der Filmgeschichte ... wenn der Zuschauer sich auf die Atmosphäre einlässt und nicht krampfhaft versucht, alles zu verstehen. Ob ein Sinn hinter allem steckt oder nicht, Inland Empire ist für mich ein Meisterwerk. Ein für die heutige Zeit absolut außergewöhnlicher Film, ein harter Schlag in die Magengrube des Mainstreamzuschauers, der nur oberflächliche Unterhaltungsfilme gewohnt ist.
Zusätzlich hervorgehoben sei an dieser Stelle die Schauspielleistung der Protagonistin Laura Dern, die sich in atemberaubender Art und Weise sprichwörtlich die Seele aus dem Leib spielt.
Wie man an den Rezensionen hier feststellen kann, schafft es Lynch wieder einmal, zu polarisieren und die Meinungen zu spalten, und das stärker als je zuvor. Einfach herrlich.
Fazit: Wer noch keinen Film Lynchs gesehen hat, sollte um Inland Empire lieber einen weiten Bogen machen und lieber mit Mulholland Drive oder Lost Highway in das lyncheske Universum einsteigen. Wer jedoch die genannten Werke liebt, dem sei Inland Empire wärmstens ans Herz gelegt. Am besten alleine in einem abgedunkelten Raum mit aufgedrehtem Sound schauen, und einem abgedrehten, surrealen Psychotrip steht nichts mehr im Weg.
10 / 10
Bravo, Herr Lynch!Juni 12, 2007 R. Teglas 33 aus 40 fanden die folgende Rezension hilfreich
Ich finde den Film fantastisch, mysteriös, düster, spannend, herausfordernd zweifellos, aber für mich am Ende sogar doch in sich schlüssig. Allein die Anfangssequenz mit der Titeleinblendung und dem Plattenspieler mit Nadel ist Ästhetik pur und grandios. Zur Handlung möchte ich nicht viel sagen, aber ich finde, dass, wenn man ein bisschen mitdenkt, interpretiert, empathisch hinfühlt und seine eigenen Erfahrungen abgleicht, also den Film auf sich wirken lässt, doch bestimmte Assoziationen, Gefühle, Gedanken, subtile und persönliche Interpretationen auftauchen und sich manifestieren. Bei mir war es zumindest so, was mich doch angesichts der Kritiken vorab überrascht hat. Laura Dern ist überragend, die polnische Nachbarin hat mir eine Gänsehaut gemacht und die Filmmusik ist wahrlich grossartig. Ich liebe den Film schon jetzt und freue mich darauf, ihn wieder und wieder und wieder zu sehen und möglicherweise andere, aufregende, neue, alte oder verstörende Entdeckungen zu machen. Ein Treffen mit mir selbst! So, nun hoffe ich, meine Rezension ist verständlicher als INLAND EMPIRE.
Verstörend schönJuni 26, 2007 Henrik Fisch(Bad Aibling) 23 aus 28 fanden die folgende Rezension hilfreich
Dass ein Film von David Lynch nicht unbedingt sofort zu verstehen ist, kennt man als Fan des Regisseurs von "Lost Highway" und "Mulholland Drive". Was mich dann aber auf der Leinwand erwartete, war noch einmal so dermaßen weit mehr ab von allem, was ich je gesehen hatte und dabei trotzdem fesselnd und schön. Benannte Werke aus dem Ruvre des Independant Filmers oder auch Streifen wie "Stalker" von Tarkowskij oder "Singapore Sling" von Nikolaidis - nur um zwei weitere schwierige Lichtschauspiele zu nennen - wirken dagegen wie ein lauer Sommerspaziergang. Das nur als Einleitung, denn dieser Film ist nur etwas für Leute, die sich gerne auch mal intelektuell einlullen lassen.
Der fantastischen Rezension meines Vorredners "Boris Filmstudent" lässt sich so gut wie nichts hinzufügen. Außer vielleicht der Hinweis, dass es Herr Lynch durchaus versteht zu unterhalten, so man sich denn als Zuschauer auf den Film einlässt. Was in der Praxis bedeutet: Nicht krampfhaft verstehen wollen sondern einfach die Stimmung wirken lassen; ein Tipp, den man durchaus auch bei den eingangs genannten Filmen beherzigen sollte. Denn egal wie weit Herr Lynch einen in die Ferne schiebt, er schafft es am Schluss des Films einen mit einem guten Gefühl wieder einzufangen. Mir sind während meines zweiten Kinobesuchs - ja, ich bin stolz darauf behaupten zu können, INLAND EMPIRE tatsächlich zweimal im Kino gesehen zu haben - und während des Abspanns vor Rührung fast die Tränen gelaufen; und zwar ohne dass ich erklären könnte, warum ich so bewegt war.
Ich persönlich werde mir im August auf jeden Fall die englische DVD kaufen, bevor dann im November endlich die deutsche Scheibe erscheint.
Etwas ganz Besonderes - nicht für jeden zugänglichFebruar 10, 2008 A. Decker 11 aus 13 fanden die folgende Rezension hilfreich
Ich stimme vielen Stimmen der anderen Rezensionen vor allem in einem Punkt zu, dass INLAND EMPIRE der bisherige Höhepunt des Lynchen "Wahsnsinns" ist. Darum wahrscheinlich auch diese sehr konträren Meinungen. David Lynch macht Kunst. Mehr, als er Filme macht. Viele Menschen meinen, dass die Handlung und ein guter Plot, das A und O eines Filmes sein müssten. Diese Menschen sind bei Mr. Lynch sicherlich nicht am besten aufgehoben. Es gibt aber genügend andere , die sich gerne auf Außergewöhnliches einlassen, für diese Menschen ist INLAND EMPIRE eine Herrausvorderung. Die länge von 173 min ist natürlich fordernd. Aber wie oft sieht man schon einen derartigen Film? Ich denke, es lohnt sich, diese 3 Stunden zu investieren, weil man etwas noch nie Dagebotenes zu sehen bekommt. Wie in allen Lynch Filmen, ausser A STRAIGHT STORY, werden hier vor allem unsere Sinne stimmuliert. Bilder und Ton wirken viel intensiver, als in den meisten Filmen. Gefühle werden in einem aufgebaut . Ein langer , verstörender Prozeß. INLAND EMPIRE beschäftigt sich mit der Psyche der Protagonistin. Lynch versucht nicht, die dem Zuschauer am besten bekannten Methode anzuwenden, nämlich durch klare Handlungstränge und den dazu gehörigen Dialogen einen Plot, und so die Geschichte zu erzählen. Sonder Lynch versucht die "Kranke Seele" einer Person in einem psychischen, nicht gesunden, nicht klar definierten Zustand darzustellen. Vielmehr noch versucht er dem Zuschauer des Films dies so eindringlich zu schildern, das man ihn nachfühlen kann. Und hier wird es interessant oder man lehnt es ab und fühlt Unverständniss und Frustration, weil man den Film anders kaum zu sehen vermag. Die Handlung, in normaler Cineastensicht, ist zu banal. Szenenabläufe die auf den ersten banalen Blick keinen Zusammenhang aufweisen. Aber auf einer emotionalen Reise Stationen ausmachen, die äusserst wichtig und stimmig fühlen. Die Arbeit der Darsteller im Film ist unbeschreiblich gut. Also für Fans des guten Schauspiels ist der Film deswegen schon ein Genuß. Der Film ist düster. Oft auch latend gruselig. Vieles unschönes wird gezeigt, obwohl es nie wirklich ekelig wird, oder Grenzen überschreitet. Ein großer Tip für alle die mit dem Lynchuniversum noch keinen Kontakt gehabt haben: Auf keinen Fall mit INLAND EMPIRE beginnen! Man sollte ja auch nicht , wenn man grade schwimmen gelernt hat, den Ozean überqueren. Ein guter Einstiegsfilm ist meiner meiner Meinung nach Mullholland Drive. Da Lost Highway sehr hart ist, und auch super gruselig und dunkel,und deswegen für viele Menschen zu beängstigend wirkt, beim ersten Mal sehen. Seine älteren Werke, auch alle grandios, könnte auf den einen oder anderen etwas "veraltet" wirken, habe ich festgestellt. Die Tv-Serie Twin Peaks wäre der allerbeste Einstie! Allerdings sind es 30 Folgen, die aufeinander aufbauen, aber sehr spannend und deshalb absolut sehenswert!
Meiner Meinung nach ist David Lynch ein wunderbarer und genialer Regisseur , der absolut seinen eigenen , unverkennbaren Stiel hat und diesen auch weit weg vom Mainstream, immer weiterentwickelt und neu entdeckt. Seine Welt ist visuel perfekt und abgestimmt. Wo die Szenen spielen, was die Darsteller anhaben, kleine Gegenstände und Skurieles, wie die Hasen-Menschen in INLAND EMPIRE, tragen zu einer Welt bei, die sich duch allen Lynch Filmen durchzieht. Alles bekannt, aber so zusammengestellt, das es wie eine andere Welt aussieht, die uns bekannt und fremd zugleich vorkommt. Das Spiel: "Wie wirklich ist die Wirklichkeit" hat David Lynch neu erfunden und perfektioniert!
INLAND EMPIRE ist nicht mein liebster Lynchfim, aber ich glaube auch nicht das Mister Lynch das von seinen Fans erwartet. Ich denke, dass dieser Film auch für ihn ein Experiment in seiner sowieso immer experimentellen Arbeit war. Diese Film ist genial, da besteht überhaupt kein Zweifel. Ein Meisterwerk der Filmgeschichte! Jedoch so extrem, so fordernd, so anstregend, dass man die Idee mehr schätz als das filmische Resultat. Ich schreibe all das , nachdem ich vor 6 Monaten den Film gesehen habe. Nur einmal. aber ich kann mich noch ganz genau an das Gefühl erinnern, das der Film produziert hat. Ich brauche ihn dafür nicht noch einmal zu sehen, um mich daran zu erinnern. Und ich denke , dass spricht für die Einzigartigkeit des Films und warum man sich ihn auf jeden Fall angucken sollte! Wenn Ihnen der Film den Zugang verweigert, ist er viellecht einfach nichts für sie. Aber für alle anderen denke ich, ist es ein unvergesslicher Trip!