Authentisches Kino mit überzeugenden CharakterenOktober 12, 2008 abraxas 31 aus 55 fanden die folgende Rezension hilfreich
Das Drehbuch: Eine Romanvorlage. Der Ort: West Texas in den 80er Jahren.
Der Texaner Moss zielt mit einem Jagdgewehr auf eine Herde Hirsche. Der Schuss streift das Tier nur. Auf der Suche nach dem verwundeten Tier entdeckt er mitten in der texanischen Wüste ein Schlachtfeld wo zwei Drogen Banden einen Krieg geführt haben, mit Trucks, mehreren Leichen und einer Wagenladung Heroin. Nicht weit entfernt auch den dazugehörigen Koffer mit 2 Millionen Dollar. Sein Leben hat sich in diesem Augenblick abrupt geändert. Doch er macht einen Fehler, kehrt in der Nacht zu dem Ort zurück und will das Leben eines Mannes retten, der den Schusswechsel als einziger überlebt hatte und angeschossen in einem Wagen saß. Er ist jedoch nicht alleine dort, wird entdeckt und muss fliehen und seinen Wagen zurücklassen. Moss verlässt seinen Wohnwagen in dem er lebt, schickt seine Frau in eine andere Stadt zu ihrer Mutter, mietet sich in einer fremden Gegend ein Hotelzimmer und wartet ab was passiert...
Wer jetzt einen rasanten Thriller mit Autoverfolgungsjagden und hoch spannenden Action-Szenen erwartet, wird enttäuscht werden. Der Film behält sein gemächliches, fast nachdenkliches Tempo bei und zeigt in gewohnt guter handwerklicher Qualität der Coen Brüder, hervorragende Bilder, Szenen und viele Details der Orte und Figuren. Dabei kommt er ganz ohne musikalische Untermalung aus und wirkt dadurch fast überrealistisch.
Ein Auftragskiller mit einer tödlichen Philosophie, der das Leben in "Alles oder Nichts" teilt und jeden damit konfrontiert, der seinen Weg kreuzt. Eine Art mythischer Schicksalsdämon, der nur für sich selbst handelt und seine Auftraggeber wie auch vollkommen unbeteiligte Personen ohne Unterschied tötet, wenn sein Verständnis vom Schicksal dies erfordert. Ein texanischer Sheriff, dessen Vater und Großvater ebenfalls Sheriffs waren, der vergeblich auf ein Zeichen Gottes wartet, das ihn in seinem Leben als Verbrecherjäger erleuchtet und der allmählich begreift, das er bisher nichts anderes getan hat, als den Spuren seines Vaters und Großvaters zu folgen. Und dann gibt es noch eine mexikanische und eine texanische Dealer Bande, die beide an den Koffer mit den 2 Millionen Dollar wollen.
Es ist ein typischer dunkler und tiefgründiger Thriller der Coen Brüder, der eine ausweglose und blutige Geschichte in Szene setzt, die eine Menge Personen mit hinein zieht. Allerdings ist das nur dem Auftragskiller klar, der nach eigenen Spielregel spielt, alle anderen Figuren begreifen die Konsequenzen erst im Laufe der Handlung. Jeder auf seine Weise. Wer die leise, einfache Erzählweise und die hintergründige Art der Coen Brüder mag, kommt bei diesem Film voll auf seine Kosten. Wer einen raffinierten Krimi mit viel Schnitttechnik und großem Finale erwartet, liegt hier falsch. Tipp: Den Film sollte man sich unbedingt in der original englischen Tonspur mit deutschen Untertiteln ansehen, da die deutsche Synchronisation einige Dialoge leider nur ungenau übersetzt und man dadurch einige Details verpasst.
Die DVD bietet als Zusatzmaterial ein Making Of, Interviews der Schauspieler die über ihre Zusammenarbeit mit den Coens erzählen und ein Kapitel, das den Hintergrund der Figur des Sheriffs, gespielt von Tommy Lee Jones beleuchtet.
Eine grossartige Romanvorlage - kongenial in Szene gesetztDezember 20, 2008 Dr. Robert R.(Singapore) 13 aus 23 fanden die folgende Rezension hilfreich
Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich das Buch gelesen - nun den Film gesehen: Eine grossartige filmische Umsetzung eines erstklassigen Romans! Eine der wenigen Filmadaptionen von grandiosen Buechern, die nicht misslungen ist, oder weit hinter der Literaturvorlage zurueckbleibt. Da die Romanvorlage von keinem Geringeren als Cormac McCarthy stammt - einer der ganz grossen zeitgenoessischen Erzaehler - hatten sich die Brueder Coen einges vorgenommen und... ihr Ziel erreicht.
Kurz zum Inhalt: Llewlyn Moss, gerade unterwegs um Antilopen an der mexikanischen Grenze zu jagen, stoesst per Zufall auf das Ergebnis einer Herointransaktion, bei der ganz offensichtlich alles schief gelaufen ist: durchsiebte Fahrzeuge, ueberall Blut, Waffen und kugelzerfetzte Leichen. Nur ein Ueberlebender (vielmehr ein Halbtoter), der nur nach Wasser fraegt und sonst nicht viel zur Aufklaerung beitraegt. Moss nimmt das Geld an sich - zwei Millionen Dollar - und verschwindet so unauffaellig wie er gekommen ist. Zwar ist er ein hartgesottener Kerl, dennoch ertraegt er den Gedanken an den verdurstenden Mexikaner nicht und kehrt deshalb mitten in der Nacht mit einer Wasserflasche an den Tatort zurueck. Nun ist er jedoch nicht mehr alleine, denn offenbar hat sich die fehlgeschlagene Transaktion in bestimmten Kreisen herumgesprochen. So geraet er in den Fokus eines Suchtrupps von Banditen, auf der Suche nach dem Heroin, dem Geld, oder beidem. Dies ist dann der Startschuss zu einer moerderischen Verfolgungsjagd zwischen Moss, den Heroindealern, einem psychopatischen Killer, einem Privatdetektiv und natuerlich der Polizei. Die Handlung entwickeln sich nun entlang dieses Flucht- bzw. Jagdszenarios; d.h. wir haben es mit einem klassischen "Road Movie" zu tun.
Der gesamte Film ist durchwegs hochgeladen, spannend und knallhart. Wie auch schon in der Romanvorlage wird Wert auf kleine, scheinbar unwichtige Details gelegt (eine stilistische Eigenheit McCarthys); dadurch entsteht atmosphaerische Dichte und Authentizitaet. So wie McCarthy die ganze Maechtigkeit von Sprache nutzt zur Entfaltung seiner Geschichte, so nutzen die Coen Brueder filmische Mittel um die spezielle Stimmung zu transportieren. Der Zuschauer (wie auch der Leser) wird geradezu durch den Film gepeitscht - ohne Atempause, eingetaucht in eine duestere Szenerie an der US-mexikanischen Grenze. (Der in manchen Rezensionen geaeusserte Vorwurf der Langeweile ist mir voellig unerklaerlich.)
Der einzige Aspekt, der bei der filmischen Umsetzung m.E. etwas auf der Strecke bleibt, ist das typisch McCarthy'sche Hauptmotiv - die Unausweichlichkeit des Schicksals und des Todes. Der Killer als Verkoerperung des Untergangs, dem wir alle geweiht sind. Die Unausweichlichkeit des menschlichen Schicksals, manifestiert im Schicksal der Beteiligten: Sie alle haben an einem Punkt ihres Lebens eine Entscheidung getroffen, die sie in die vorliegende Handlung schicksalshaft verwickelt - und alle haben dafuer einen Preis zu bezahlen, unabhaengig von ihrer spezifischen Schuld. Jede Entscheidung ist endgueltig, alles hat seine Konsequenz, nichts kann ungeschehen gemacht werden. Alle Handlungen sind schicksalshaft und alles endet mit dem Tod - ohne Gnade.
Dieses Hauptmotiv von McCarthy findet im Film nur andeutungsweise seine Umsetzung, letztlich nur bruchstueckhaft in den Monolgen des Killers und dem Motiv des Werfens der Muenze: Call it! Dieses Schluesselmotiv des Buchs, insbes. dargestellt in der Szene zwischen dem Killer und Moss' Ehefrau, wird im Film nur in Ansaetzen aufgegriffen, wobei im Buch hier soz. der moralische Show-down stattfindet. Diese philosophisch-moralischen Aspekte kommen im Buch sehr viel staerker zum Tragen, und machen schliesslich auch die besondere Klasse des Buches aus.
Die Coen Brueder aber haben sich offenbar dafuer entschieden, diese moralische Faerbung des Buches nicht in seiner Gaenze umzusetzen. Ihr Fokus war klar die Story an sich, nicht so sehr ihre moralische Dimension. Ich halte das fuer eine akzeptable Entscheidung und sie tut der Qualitaet des Films an sich auch keinen Abbruch. Wenngleich ohne diesen Hintergrund moeglicherweise ein paar Fragen im Film offen bleiben und auch sein Ende fragwuerdig erscheinen mag.
Cormac McCarthy hat mit "No Country For Old Men" einen grossartigen Thriller vorgelegt, der von den Coen Bruedern kongenial in Szene gesetzt wurde. Das Drehbuch, die Regie und insbes. alle schauspielerischen Leistungen sind beeindruckend. Vor allem die Leistung von Javier Bardem, in der Rolle des Killers, ist besonders hervorzuheben. Der Film ist (wie das Buch) zu spannend, zu cool, zu krass, zu unterhaltend - zu gut. Die 4 Oscars sind hochverdient, bei dieser Romanvorlage ist das aber auch kein Wunder! Dennoch die Empfehlung: Unbedingt erst das Buch lesen, der Film danach kommt extrem gut!
Coenial!September 17, 2008 Thomas Knackstedt(Delligsen) 36 aus 69 fanden die folgende Rezension hilfreich
Endlich ist es soweit. Der letzte Streifen der Coen-Brothers Joel und Ethan landet in meinem DVD-Player. Da sind die Erwartungen natürlich hoch; dürfen sie nach Vorgängern wie z.B. Fargo, Barton Fink oder The Big Lebowski auch sein. Gleich vorweg: Nach Ende des Films war meinerseits keinerlei Enttäuschung zu verzeichnen. No Country for old men ist ein waschechter Coen-Brothers-Streifen, der für die Mitglieder der Coen Fangemeinde keine Wünsche offen lässt.
Texas, in den 80er Jahren. Der Cowboy und Vietnamveteran Llewellyn Moss(Josh Brolin) stösst während der Jagd auf ein halbes Dutzend Leichen samt einer Ladung Drogen und einem Koffer, der zwei Millionen Dollar enthält. Moss schnappt sich das Geld und verschwindet. Er kehrt jedoch noch einmal zum Tatort zurück, was sich als schwerer Fehler herausstellt. Kurze Zeit später hat er eine Schusswunde und ein paar mexikanische Killer plus Kampfhund trachten ihm nach dem Leben. Moss schafft die Flucht, ahnt aber schon, dass das Drama jetzt erst beginnt.
Nicht weit entfernt befreit sich der psychopathische Killer Anton Chigurh(Javier Bardem) aus dem Polizeigewahrsam. Chigurh wird von dunklen Gestalten auf Moss Fährte gehetzt. Nachdem er den Auftrag angenommen hat, tötet Chigurh die Auftraggeber und macht sich auf die Suche. Dabei säumen ziemlich schnell Leichen seinen Weg. Chigurh scheint es weniger um die zwei Millionen Dollar als um den puren Spaß am Töten zu gehen. In Llewellyn Mosh findet er jedoch einen Gegner, der nicht zu unterschätzen ist.
Sheriff Bell(Tommy Lee Jones) steht kurz vor der Rente. Zusammen mit seinem Deputy, der etwas schwer von Begriff ist, wird er auf den Fall des geplatzten Drogengeschäftes angesetzt. Bell ist ein Sherrif vom alten Schlag. Er braucht keinen Technikschnickschnack, um festzustellen, was passiert ist. Nachdem er eins und eins zusammen gezählt hat, weiß er, in welcher Gefahr Llewellyn Moss schwebt. Mit aufreizender Gelassenheit versucht Bell den Killer Chigurh zu schnappen. Während dies Hatz im Gang ist, wird von einem Drahtzieher des Drogendeals auch noch der Killer Carson Wells(Woody Harrelson) ins Rennen gebracht. Wells kennt Chigurh und soll ihn aufhalten, vor allem aber das Geld zurückbringen. So kommt es letztendlich zum unvermeidbaren Showdown der versammelten Killergarde. Der Ausgang ist ungewiss...
Die Coen Brothers haben sich nie um Trends geschert. Klar sind sie mit No Country for old men in den eigenen Fußstapfen ihrer Fargo-Verfilmung unterwegs, zu erkennbar sind die Parallelen in Bezug auf die Killer und den Cop, aber das macht rein gar nichts. Der Film bordet teilweise von Gewalt über, die Coens verherrlichen sie jedoch nicht. Die Gewalt in diesem Film steht für die konsequenzlose Durchsetzung der Ziele aller handelnden Personen. Hier wird, für die Erfüllung der eigenen Ideale, im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen gegangen.
Cormac McCarthys Romanvorlage war ein Glücksgriff für diese Verfilmung. Dazu eine Schauspielgarde, die sich auserwählt fühlen darf, für die Coens vor der Kamera zu stehen. Tommy Lee Jones spielt so cool und schräg, es ist ein Genuss, das sehen zu dürfen. Woody Harrelson darf natürlich nicht fehlen und das überaus blutige Duell zwischen Moss und Chigurh wird von Javier Bardem und Josh Brolin wie ein heiliger Kreuzzug zelebriert. Dazu fließen ein paar Dialoge ein, die auf jeder Psychiatersitzung direkt von der Couch stammen könnten. Es ist skuril, komisch, makaber, halt ein echter Coen-Film. Wer mit den filmischen Vorgängern der beiden Brüder keine Freundschaft schließen konnte, der sollte sich auch an No Country for old men nicht versuchen. Wer allerdings Fargo zu einem seiner auserwählten Lieblingsfilme aller Zeiten gemacht hat, der darf jetzt schon mal Platz im DVD Regal schaffen. No Country for old men wird eine Ehrenplatz erhalten. Mit tödlicher Sicherheit.
Kein Film für jedermannOktober 6, 2008 Daniel B. 28 aus 55 fanden die folgende Rezension hilfreich
Am Ende saß ich da und schwieg; nur ein Gedanke: ein Meisterwerk! Sicherlich kein Film für jedermann, da stellenweise tatsächlich sehr brutal (auch für Coen-Verhältnisse, man denke da an Steve Buscemis Ende in "Fargo") und weit weg von der üblichen Thriller-Kost.
Aber was macht diesen Film denn nun eigentlich aus? Die Story ist nun wirklich nicht neu und nicht alle Schauspieler können tatsächlich überzeugen. Vor allem Josh Brolin, der aussieht, als komme er gerade vom Set des Remakes von "Spiel mir das Lied vom Tod", wirkt etwas blass. Und trotzdem ist man gefesselt, von der ersten bis zur letzten Minute. Warum?
Nun, zuallererst liegt es an Javier Bardem und seinem unaufgeregten (aber nicht unaufregenden!) Spiel. Er hat ein großartiges Gespür dafür, die Spannung einer Szene auf die Spitze zu treiben, auch wenn eigentlich gar nichts passiert (man denke da vor allem an die Szene in der Tankstelle!). Und auch Tommy Lee Jones als Sheriff, der bis zum Ende nicht aus dem Schatten seines Vater heraustreten kann, gefällt; vor allem im englischen Original - herrlich, dieser texanische Dialekt!
Und es liegt nicht zuletzt an der Genialität der Coen-Brüder. In ihren Filmen ist schmutzige Kriminalität die Norm; womit andere ganze Film-Trilogien füllen würden, spielt sich bei den Coens aber immer nur am Rande ab. Im Mittelpunkt stehen Außenseiter, die mehr oder weniger freiwillig in den Studel der Kriminalität gezogen werden. Randexistenzen, das unscheinbare Drumherum - das lieben die Coen-Brüder und verfilmen es auf ihre unnachahmliche Art und Weise.
Und weil mir jetzt kein gescheiter Schlusssatz einfällt, wiederhole ich mich einfach: ein MEISTERWERK!
Ein genialer Film!!Juni 10, 2008 zippodoc2 26 aus 58 fanden die folgende Rezension hilfreich
Ich muss schon sagen, dass mich No Country for old Men wie eine Welle gepackt und umgehauen hat.Kein Wunder das der diesjährige Oscar für den besten Film an dieses Meisterwerk ging.Alles was einen Leckerbissen für jeden Filmliebhaber ausmacht, ist vorhanden: Spannung, perfekt gesetzte Komik, excellente Dialoge, unglaublicher Wechsel der Geschwindigkeiten in der Handlung, top besetzte Haupt- und Nebendarsteller, seltsame und doch irgendwie normale Charaktere, brutale Schockszenen wie sie nur das Leben schaffen kann usw.!Bemerkenswert finde ich zum Einen auch, dass das Ganze ohne musikalische Untermalung auskommt, und zum Anderen, wie sich die Brüder Coen gekonnt bei unzähligen Filmklischees in so einer raffinierten und überzogenen Art bedienen, dass man nur sagen kann:Das ist Kunst!!Dieser Streifen wird mich ganz sicher noch einige Tage beschäftigen.Persönlich enttäuschend fand ich allein das Ende.Es muss ja nicht unbedingt ein Happy End sein, aber irgendein Ende bevorzuge ich dann doch schon.Aber das ist Geschmackssache und nicht objektiv.
Mein Fazit:Wer auf intensive und nachwirkende Erfahrungen (wie z.B. 25 Stunden, 21 Gramm, Babel oder Das Leben der Anderen) steht, darf sich den Film definitiv nicht entgehen lassen.